Projekt Nahecaris
Die Entschlüsselung devonischer Paläo-Ökosysteme
Nahecaris heißt ein charakteristischer Phyllocaride (Panzerkrebs) aus dem unterdevonischen Hunsrückschiefer von Bundenbach. Sein Name nimmt Bezug auf die Region an der oberen Nahe im Hunsrück inland-Pfalz). Dort befindet sich der - unter geowissenschaftlich Interessierten - weltberühmte Fundort einer hochdiversen und exzeptionell erhaltenen, marinen Fauna.
Seit über 150 Jahren sind die Funde der Region Bundenbach Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen. Über 250 Arten, viele davon weltweit nur aus den fraglichen Schichten bekannt, wurden bis heute beschrieben; zahlreiche weitere harren noch der Bearbeitung.
Aber obgleich in zahlreichen wissenschaftlichen Institutssammlungen, in Museen und Privatsammlungen zum Teil umfangreiche Materialsammlungen vorliegen, beschränkten sich paläontologische Bearbeitungen bisher zum überwiegenden Teil auf rein taxonomisch-phylogenetische Aspekte. Moderne Untersuchungen zur Paläoökologie und Funktionsmorphologie der Fauna treten dagegen weit in den Hintergrund, sie sind für viele Tiergruppen noch niemals in Angriff genommen worden.
Auch die komplexen paläoökologischen sowie die taphonomischen Beziehungen der Fauna zum einbettenden Sediment, dessen feinstratigraphische Dokumentation, seine sedimentologischen, petrologischen, mineralogischen und geochemischen Eigenschaften, sind bislang höchst unzureichend untersucht. In allen diesen Bereichen, die für eine Rekonstruktion des Geoökosystems Bundenbach unerlässlich sind, sind die damit einhergehenden Probleme entweder gar nicht oder noch sehr unvollständig aufgeklärt, bzw. der Kenntnisstand bewegt sich im Bereich mehr oder weniger gut abgesicherter Hypothesen. Selbst eine so grundlegende Frage wie die, ob der Bildungsbereich des Hunsrückschiefers als Flachmeer oder als Tiefsee anzusehen ist, bildet immer noch den Gegenstand von Kontroversen.
Dieser so unzureichende Kenntnisstand, gerade in Bezug auf die Beziehungen zwischen Fossil und Sediment, geht nicht zuletzt auf die Fundumstände zurück, die seit dem Beginn der Aufsammlungen vorgegeben sind: Die Fossilien (meist nur eine kommerzialisierbare Auswahl') werden überwiegend bei der technischen Verarbeitung des Gesteins zu Dachschiefer entdeckt und geborgen. In die Hände der Wissenschaft gelangt das Fundmaterial so fast ausschließlich erst als Folge von Bergbau- bzw. Steinbruchaktivitäten, die den Zugriff auf die konkreten Fundstellen und die Rekonstruktion der Fundumstände im Detail unmöglich machen. Die gewinnbare Information beschränkt sich so auf anatomische und fossildiagenetische Details, bis hin zu pyritisch/ phosphatisch erhaltenen Weichkörperstrukturen; die übrigen, ehemals vorhandenen Befunde hingegen sind weitestgehend vernichtet.
Eine Chance
Dieser für die Wissenschaft höchst unbefriedigende Zustand hat sich mit der Aufgabe eines Tagebaubetriebes bei Bundenbach kürzlich grundlegend geändert: Für begrenzte Zeit steht dort in bekanntermaßen stark fossilführenden Schichten ein lokal begrenzter Aufschluss für wissenschaftliche Untersuchungen zur Verfügung. Anschließend muss der Steinbruch, gemäß Bundesberggesetz, rückgebaut und rekultiviert werden.
Das Projekt Nahecaris
Diese einmalige Gelegenheit zur Rekonstruktion des Geoökosystems Hunsrückschiefer umfassend zu nutzen, ist das Ziel von Projekt Nahecaris. Im Zuge einer wissenschaftlichen Grabung durch das Landesamt für Denkmalpflege Rheinland-Pfalz - Referat Erdgeschichtliche Denkmalpflege - und durch das Deutsche Bergbau-Museum Bochum - Sonderforschungsbereich "Geologie und Paläontologie des unterdevonischen Hunsrückschiefers" - wird im Frühjahr 1997 an der Fundlokalität eine (vor Ort in handhabbare Partien aufgeteilte) 2 qm große Sedimentsäule mit Hilfe von hydraulischen Gesteinssägen gewonnen. Sie wird so einen repräsentativen Querschnitt durch den infolge seiner Fossilführung besonders herausragenden sogenannten "Eschenbacher Plattenstein", ein rund 10m mächtiges Dachschieferlager, der wissenschaftlichen Erschließung zugänglich machen.
Die Entnahme der Sedimentblöcke erfolgt unter genauer Dokumentation ihrer räumlichen Orientierung. Diese Bergungsform wird es so bei der Auswertung erlauben, jede Sedimentstruktur und jedes Fundobjekt im Netz der Raumkoordinaten präzise zu verorten, insbesondere auch in Verbindung mit der röntgenographischen Erfassung des Sediment-/Fossilmaterials durch die uns kooperativ verbundene Arbeitsgruppe von Prof. Blind an der Universität Gießen.
Dieses Material soll einer international und interdisziplinär besetzten Forschergemeinschaft für miteinander zu vernetzende (und durch uns koordinierte) Spezialuntersuchungen zur Verfügung gestellt werden.
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Alle Aspekte und Fragestellungen in den genannten Einzelgebieten sollen in ihrer Variationsbreite erfasst werden, wobei in fast allen Bereichen Vorarbeiten unterschiedlichen Standes die Ausgangslage bestimmen.
Ziel ist die Anwendung moderner Fragestellungen und Vorgehens weisen auf die Fossilien und Sedimente des Hunsrückschiefers, bei denen vielfach ein zeitgemäßer Bearbeitungsstand schon seit langem nicht mehr gegeben ist.
Eigene Erfahrungen
Die Unterzeichner sind aus unterschiedlichen Funktionen heraus seit Jahren im Bereich des Hunsrückschiefers und seiner Fossilien, sowohl im Gelände wie auch bei der wissenschaftlichen Bearbeitung, tätig. Das Referat Erdgeschichtliche Denkmalpflege, unter der Leitung von Dr. Michael Wuttke, hat Erfahrungen mit der Bergung von Großobjekten mit Hilfe von Gesteinssägen durch das "Projekt Lavawand Strohn", bei dem 1995 eine 6 x 4 m große Basaltwand in Blöcke zerlegt und anschließend an anderem Ort wieder aufgebaut wurde. Dr. Christoph Barteis birgt und bearbeitet Fossilien des Hunsrückschiefers seit ca. 20 Jahren, er verfügt zusätzlich über umfangreiche Erfahrungen mit neuen Methoden zur Hunsrückschieferpräparation. Prof. Derek Briggs ist Coautor von Untersuchungen an Nahecaris, er initiierte die erste interdisziplinäre Untersuchung zur Pyritisierung der Fossilien des Hunsrückschiefers mit Hilfe von Isotopen-Analysen. Dr. Michael Wuttke bearbeitete als Coautor Schwämme des Hunsrückschiefers und erstellte das erste Modell zur mikrobiell induzierten Pyritisierung organischen Materials im Hunsrückschiefer. Unsere Arbeiten erfolgen in enger Kooperation mit der Arbeitsgruppe von Herrn Prof. Blind (Univ. Gießen). Dieser verfügt über große Erfahrungen und die entsprechende apparative Ausstattung zum Röntgen des Fossilmaterials.
In einer Reihe von Veröffentlichungen wurde von uns seit 1981 der derzeitige Forschungsstand zum Thema aufgearbeitet. Anfang 1998 wird von Ch. Barteis, D. E.G. Briggs & G. Brassel bei Cambridge University Press das Buch The Fossils of the Hunsrück-Slate. Marine Life in the Devonian als Zusammenfassung des derzeitigen Kenntnisstandes dieser Fossillagerstätte von Weltrang Verfügung stehen.
Landesamt für Denkmalpflege Rheinland-Pfalz
Abteilung Archäologische Denkmalpflege
Referet Erdgeschichtliche Denkmalpflege (1997)
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